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Felix Schneeweiß – Bitte
Sie lassen uns zu Individuen werden, beeinflussen unsere Charaktereigenschaften und Eigenheiten. Oft sind sie nicht sehr verlässlich, denn unsere Erinnerungen täu- schen uns, verblassen oder verschwinden gar ganz. Unser Gehirn sondiert täglich alle erhaltenen Informationen, ordnet sie nach ihren lebensdienlichen oder undien- lichen Funktionen ein, speichert sie ab oder verwirft sie. Manchmal reicht jedoch ein kleiner Anstoß aus, um einen Gedanken wieder aufleben zu lassen, sei es ein Wort, Geruch oder Gegenstand. Speichermedien aller Art führen einen Kampf gegen das Verschwinden von Geschichten und Daten. Sie alle bilden Hilfestellungen für das menschliche Gedächtnis, indem sie versuchen auf teilweise perfektionistische Weise Erinnerung am Leben zu erhalten. Fotografien, Videos, Tagebuchaufzeichnungen, Bücher, usw. enthalten zwar Spuren der Vergangenheit, jedoch ist das „lebendige Gedächtnis“1 an Subjekte gebunden, die das Erinnerte durch die Erzählung ver- gegenwärtigen. Die Kontextualisierung der Vergangenheit verleiht der Erinnerung Struktur und Narrativität. Die Erinnerung selbst aber bleibt fragmentarisch, aus- schnitthaft, begrenzt, labil und äußerst flüchtig.
2 Eben jenem Vergessen von Erin- nern versucht die künstlerische Arbeit von Felix Schneeweiß entgegenzuwirken. Auf der A-Seite der Schallplatte hört man ein Rauschen, das sich zu einem brummenden Bass steigert.
Dieser Sound wird begleitet von einem Klicken, das man nicht leicht zuordnen kann. Es bleibt in seinem Rhythmus gleich, verändert sich jedoch in der Weise, dass es dann an einen modulierten Peitschenschlag erinnert.
Im Hinter- grund ist ganz leise eine Art Melodie zu hören. Diesem Geräusch folgt nach ca. zwei Minuten der vom Künstler gesprochene Satz „Bitte erinnere dich an mich, bitte“. Die junge, männliche Stimme dringt unvorhergesehen in den monotonen Sound ein und spricht den Hörer mit der Aufforderung, sich zu erinnern, direkt an. Durch die Wiederholung des Wortes Bitte wird das Anliegen bestärkt und fast schon flehend. Das Interesse des Künstlers an dem Thema Erinnerung zeigt sich allgemein in seiner Kunst und behandelt die Beschäftigung mit dem Festhalten an Erinnerungen und Vergangenem, mit dem Erschweren des Vergessens. Für den Aufruf, sich zu erinnern, der in einer flüchtigen Welt wie der heutigen noch eindringlicher wirkt, oder gar altmodisch, wählte er in diesem Fall das Medium der Schallplatte als ein Zeichen des Überdauerns. Ein Medium, das schon dem Verges- sen und Aussterben geweiht war, sich jedoch als beständiger und in seiner Materia- lität robuster herausstellte als seine Nachfolger. Musik kann als Träger von Erinne- rungen dienen und besitzt die Fähigkeit, erlebte Momente herauf zu beschwören. Die unmittelbare Präsenz von Musik ist immer an die Länge ihrer Übertragung gekoppelt und vielleicht genauso flüchtig wie Erinnerungen. Da erscheint es nur als logische Konsequenz, ein hörbares Kunstwerk zu gestalten, – bisher das erste dieser Art von Schneeweiß – das sich der Visualität entzieht und momenthaft existiert. Entgegen der Erwartung, Musik zu hören, spielt die Platte jedoch das aufgenommene technische Geräusch ab, das am Ende nach dem Abspielen der Musik einer Platte entsteht.
So enttäuscht Schneeweiß nicht nur unsere Erwartungen, sondern macht etwas hörbar, was ansonsten hinter der Musik zurückbleibt. Bittet der Künstler dar- um, nicht vergessen zu werden, fungiert die Arbeit wie eine zukunftsgerichtete Setzung, die dem Wunsch nach Beständigkeit und Geltung entspringt.
Man hört sich die zweite Seite mit einer gewissen Erwartung oder sogar Vorfreude an, die jedoch abermals enttäuscht wird, da der Bitte nichts anderes folgt, als das eintönige Geräusch des Endes einer Schallplatte.
Wieder ist der Sound verzerrt und mit einem Bass unterlegt, was ihm einen bedrohlichen Charakter verleiht. Die fast 4-minütige Leere ist ein nicht enden wollendes Ende und die Ernüchterung der Erwartung.
Doch hallt die Bitte nach, besteht in ihrer Nachdrücklichkeit fort und stellt die Frage nach dem Inhalt der Erinnerung oder des Vergessens, sowie dem Verlauf von Zeit.
Die Lesart der zweiten Seite bleibt schließlich offen, einerseits kann die Er- innerung die nötige Zeit des Wiederauflebens finden oder sie verliert sich andererseits in der Gleichtonigkeit. Die gesamte Gestalt der Platte spiegelt die Ambivalenz und das Wechselspiel von Vergessen und Erinnern wider. Das Plattencover, sowie die Box sind in einem tiefen Schwarz gehalten und geben kaum Hilfestellungen oder Informationen zum Kunstwerk. Die Farbe Schwarz besitzt im westlichen Kulturkreis die Bedeutungen von Tod, Einsamkeit, Dunkelheit, Trauer, sowie Seriosität und Ele- ganz. Sie durchzieht das Werk von Schneeweiß, Ausnahmen bilden Weiß, Silber oder Gold. Auf diese Weise schafft er durch die äußere Form eine Beständigkeit, der er inhaltlich mit flüchtigen, fragmentarischen, teils schwer fassbaren Elementen entgegenwirkt.
Ein weiterer Impuls zur Auseinandersetzung mit dem Erinnern an eine Person ist ein beigelegtes Poster, das ein älteres Porträt des Künstlers zeigt und beinahe im dunklen Schwarz verschwindet. Sein Gesicht ist durch ein schwarzes Tuch ver- mummt, sodass nur die obere Partie zu sehen ist und der Rest ausschließlich von der Erinnerung derjenigen Menschen ausgefüllt werden kann, die Schneeweiß per- sönlich kennen. Die Fotografie erinnert an den Moment der Aufnahme, der in der Vergangenheit liegt. Das ursprüngliche Automatenfoto entzieht sich der Funktion des Porträts in Farbigkeit und Wahl des Motivs. Es wird eher als Ausgangspunkt ge- nommen und zu einem popindustriellen Produkt, dem Poster des „Stars“ als Beilage von Platten, umfunktioniert. Insofern wird eine Schnittstelle geschaffen, die sich zwischen Strategien der Aneignung von Musikkultur und künstlerischer Umdeutung davon in Form einer Kunst-Edition bewegt. Hundert Schallplatten werden in den Umlauf gebracht, nehmen verschiedene Wege ein und schaffen durch ihre Ver- teilung Spuren, die als Impulsgeber für das Erinnern dienen. Damit ist ein Schritt in die Richtung getan, nicht aus der Welt zu verschwinden ohne etwas hinterlassen zu haben. Und doch bleibt der Vorgang des Erinnerns ambivalent, denn ihm geht das Vergessen voraus. Sowie die B-Seite der Platte zum Inhalt einzig allein das wie- derholende Ende ihrer selbst hat, so sehr scheint das Vergessen fortzuschreiten, wie Maurice Blanchot betont: „Wenn das Vergessen dem Gedächtnis vorausgeht oder es begründet oder nichts mit ihm zu tun hat, [...] verweist [es] auf die ungeschichtlichen Formen der Zeit, auf das Andere der Zeit, auf ihre ewige Unentschiedenheit oder ewiges Provisorium, ohne Bestimmung, ohne Gegenwart.“3 Und weiter: „Wer sich erinnern will, muss sich dem Vergessen anheimgeben.“4

1 Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, S. 28.

2 Vgl. Aleida Assmann, Ebd., S. 23f.

3 Maurice Blanchot, Oublieuse mémoire, in: ders., L’entretien infini, Paris 1969, S. 462f.

4 Maurice Blanchot, Der Gesang der Sirenen. Essays zur modernen Literatur, München 1962, S. 352.

Text: Samira Yildirim

 
 
Format: vinyl
Cat. Number: Schneeweiß
Release: 13.12.2013
 

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